     | |  Der Umsturz der Sicherheit - Jurybericht von Benedikt Loderer
Rhein, stehe still! Wie soll das geschehen? „Am Montag, den 21. Juni 2010 (Sommeranfang) schliesssen die Staustufe Kembs und die höher am Rhein liegenden Kraftwerke Birsfelden und Augst die Wehre. Der Rhein steht im Stadtgebiet Basel für kurze Zeit still. Die Oberfläche glättet sich und kommt zur Ruhe.“ Nur drei Sätze brauchen die Preisträger des prix toffol 09, um ihre Idee zu erklären.
Den Fluss zum See machen, eine beinahe widernatürliche Idee. Nicht die versprochene feierliche Ruhe und die Spiegelung des Münsterhügels im Wasser überzeugte das Preisgericht, sondern das Umstürzen der Sicherheit. Dass der Rhein nach Norden fliesst ist so selbstverständlich, dass sein Stillstehen die Welt, wenigsten in Basel, für einen Augenblick aus den Angeln hebt. So überzeugt, wie dass morgen wieder ein Tag sein wird, so sicher sind wir, dass der Rhein morgen noch weiterfliesst.
Die Idee hat etwas Anmassendes, man mag es auch unverfroren nennen. Es ist ein Eingriff in den naturgegebenen Gang der Dinge. An einem Tag sieht Basel anders aus, obwohl nichts an der Stadt verändert wurde. Nur der Rhein steht still. Die Natur macht Sprünge indem sie sich nicht mehr bewegt. Wir glauben nicht, was wir sehen, unsere Wahrnehmung kann nicht richtig sein, trotzdem sehen wir das Unmögliche mit eigenen Augen. Was ist noch sicher, wenn der Rhein still steht?
Das Preisgericht ist sich wohl bewusst, dass die technische Machbarkeit nicht nachgewiesen ist. Die Wehre sind zu, was geschieht? Ist unterhalb Kembs das Rheinbett leer? Wie lange dauert es, bis oberhalb Birsfelden der Fluss über die Ufer tritt? Auf diese Fragen geben die Autoren keine Antworten. Selbst wenn alles technisch klappen würde, sind damit die administrativen Hürden, trinational versteht sich, noch keineswegs überwunden. Kurz, dem Preisgericht ist klar: dieses Projekt geht nicht. Trotzdem: die Idee ist so überzeugend wie irrwitzig: Rhein stehe still!
23. September 09
LR
| | projekt rheinsicht
marie-luise lange malte beutlerUnser Projekt schlägt eine kleine Intervention vor, die die vorhandene Infrastruktur entlang des Rheins nutzt, um vertrauten Bildern von Basel Neue hinzuzufügen. Bei all den baulichen und landschaftspflegerischen Veränderungen, die der Lauf des Flusses und seine Uferzonen im Laufe von Jahrhunderten erfahren haben, bildete einzig das Fliessen des Rheins eine Konstante.
Die Bewegtheit des Wassers prägte stets die Wahrnehmung, wie die ausgewählten Stiche aus dem 15. und 16.Jahrhundert zeigen. Das Bedrohliche des Flusses verliert sich in späteren Darstellungen. Der Rhein wird ruhig und nahezu ohne Dynamik gezeigt, was mit einer veränderten Wahrnehmung aufgrund der fortschreitenden technologischen Beherrschbarkeit der Wassermassen einhergeht.
Am Montag, den 21.6. 2010 (Sommeranfang) schliessen die Staustufe Kembs und die höher am Rhein liegenden Kraftwerke Birsfelden und Augst die Wehre. Der Rhein steht im Stadtgebiet Basel für kurze Zeit still. Die Oberfläche glättet sich und kommt zur Ruhe.
Die Ufergebiete, an denen der Fluss sonst vorbeiströmt, spiegeln sich nun auf seiner Wasseroberfläche wider. In der Symmetrie der umliegenden Bebauung und Natur werden die typischen Bilder und Ansichten Basels erweitert. Auch Assoziationen eines Seeufers werden wach.
Mit Rheinsicht wollen wir einige Eigenschaften Basels verdoppeln und teilweise überspitzen:
Das „schöne“ Basel
Die Stadt, wie sie jetzt ist, bietet ihren Einwohnern und Besuchern keinen wirklichen Grund zur Beschwerde, wie wir in Gesprächen vor Ort erfahren haben. Um also diese zufriedenstellende Ausgangssituation aufzuzeigen, wird der Ist-Zustand geradezu königlich symmetrisch in Szene gesetzt.
Das „ruhige“ Basel
Die Rheinpromenade ist prädestiniert dafür, einen geselligen Abend zu verbringen, den Ausblick zu geniessen und seine Gedanken schweifen zu lassen. Diese Qualitäten werden nun für die kurze Zeitspanne der Blockierung erweitert: der Rhein wird zum Ort der Stille und Konzentration.
Das „historische“ Basel
Die Bebauungsarchitektur am Rheinufer, die exemplarisch die Siedlungsentwicklungen und Bauepochen vom Mittelalter (Münster) bis zur Neuzeit (Tinguely Museum, Kraftwerk) vereint, kann nun doppelt bewundert werden.
Der Stillstand des Wasserflusses kann als ein Stillstand des Zeitflusses, ein Erstarren im Jetzt, begriffen werden, der die Vergangenheit umso deutlicher hervorhebt.
Mit Rheinsicht wird der Stadt Basel und dem Rhein ein kurzes visuelles Denkmal gesetzt.
Rheinsicht ist in dieser Form aber auch eine Fortführung und Überspitzung der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur: die allmählich erlernte Beherrschung der Natur und des Flusses findet im gänzlichen Aufhalten des Wassers für einen kurzen Zeitraum ihren Höhepunkt.
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